Im letzten Jahr hatten wir Ende November noch schöne warme Tage. Unsere Gänse, wunderschöne, kräftige Pommerngänse, konnten weiterhin im Gras die Sonne genießen. Es ist köstlich die Freude der Tiere mitzuerleben, wenn eine nach der anderen jeden Morgen fröhlich gaggernd, mit den Flügeln kräftig schlagend, den Stall verlassen.

In den letzten zwei Tagen im November beobachtete ich, dass Gunnar, dieses liebevolle Tier, plötzlich nicht mehr so viel Kraft hatte! Er schnatterte nicht so laut wie sonst und sein dicker Körper konnte kaum noch von seinen dünnen Beinen getragen werden. Ich mach-te mir große Sorgen und fragte mich, was er wohl hätte.

„Gunnar, was ist nur mir dir? Habe ich doch vernach-lässigt als ich mehr oder weniger nur für Jasminchen da war?“

Zwei Tage später blieb er sogar mit seinen Flügeln in dem Türchen zum Gänsestall hängen, in das er sonst mühelos hinein schlüpfen konnte. Gunnar gab keinen Ton von sich, als ich ihm vorsichtig half. Im Stall legte er sich auf einen Platz, auf dem ich ihn am nächsten Morgen wieder fand.

Ich liebe es ganz und gar nicht, wenn eine von unseren Gänsen den Kopf vor Schwäche nicht heben kann.

Und nun war es Gunnar der sein wunderschönen schmalen Kopf hängen ließ! Er war immer zufrieden und liebevoll, ja man kann sagen, er war ein richtig ausgeglichenes Tier, machte sich kaum bemerkbar, außer natürlich, wenn er sein Blümchen, sein Weibchen beschützen musste.

„Gunnar was ist nur mit dir? Was hast du denn mein lieber Gunnar?“

Schnell holte ich etwas Wasser zum Trinken, setzte mich zu ihm und streichelte ihn ununterbrochen bis Sandra meine Tochter und Tim, mein Enkel kam.

„Gunnar, was ist nur mit dir los?“

Sandra streichelte ihn zärtlich, nahm ihn vorsichtig hoch, trug ihn in den Garten und legte ihn auf das Stroh, welches ich im Gras zu Recht gelegt hatte. Ich setzte mich, beladen mit meiner großen Traurigkeit, ganz nah zu Gunnar und flüsterte ihm leise tröstende Worte zu.

Doch plötzlich war ich nicht alleine mit meinem stillen Zuspruch! Jasminchen löste sich von den anderen Gänsen, die in einiger Entfernung zusammen standen, kam langsam zu uns gewatschelt, stellte sich mir gegenüber, sah auf Gunnar hinunter und schnatterte so zärtlich und liebevoll ihm entgegen, dass sich vor lauter Rührung mein Schmerz vertiefte. Ich fing an zu weinen. Danach watschelte Jasmin langsam zu den anderen Gänsen zurück.

Es war Samstag! Ich rief unseren Tierarzt Dr. Braun an und bat ihn aufsuchen zu dürfen.

„Jeder Zeit können Sie kommen! Welche Gans ist es denn?“ fragte er.

„Nicht Jasmin, mit der ich letztes Jahr bei Ihnen war! Es ist Gunnar!“

„Was,“ meinte er, „die Jasmin lebt noch, dass freut mich aber sehr! Dann hat sie doch alles gut überstanden. Aber natürlich können Sie kommen – ich warte auf Sie!“

Schnell richteten wir die große Transportkiste her, die wir immer für die Gänse bei solch einer Gelegenheit brauchen. Sandra und ich streichelten Gunnar ab-wechselnd und bei einer dieser Berührung entdeckte Sandra unter dem rechten Flügel eine große Geschwulst. Es war bestimmt ein Tumor.

„Ich glaube nicht, dass der Arzt noch helfen kann!“

Sandra nahm Gunnar in ihre Arme, setzte sich auf einen Hocker und legte ihn auf ihren Schoß. Meine Enkelin, die zu Besuch war, kniete sich hinunter auf die Erde, ich stand gebückt an Gunnars Kopf! Alle drei gaben ihm die Kraft und unwahrscheinlich tiefe Liebe!

Gunnar ist in Sandras Armen während der Streichelein-heiten ruhig eingeschlafen.

Mein kleiner – großer – prachtvoller Gunnar.

In der vergangenen Nacht konnte und wollte er nicht von uns gehen, er hat bestimmt auf uns gewartet.

Dafür war ich sehr dankbar.

Als ich am Telefon Dr. Braun mitteilte, dass Gunnar gerade gestorben war, konnte ich vor Traurigkeit kaum sprechen. Behutsam legte Sandra Gunnar auf das Stroh zurück! Meine Familie setzte sich um die Gans herum und jeder trauerte und nahm auf seine Weise Abschied von diesem wunderbaren Tier.

Blümchen, Henri und Jasmin standen in einiger Ent-fernung von uns, kümmerten sich scheinbar gar nicht um das Geschehen. Nachdem sich die ganze Familie von Gunnar verabschiedet hatte, zogen wir uns zurück, ohne ihn aus den Augen zu lassen.

Ganz verloren lag er alleine im Rasen – aber wahrlich nicht lange.

Was dann geschah, daran möge sich jeder an diese Geschichte erinnern, wenn er sie denn auch liest, der unbedingt eine Weihnachtsgans „verschlingen“ möchte!

Sandra, Svenja und ich beobachteten aus einiger Ent-fernung gespannt das Ereignis und waren so fasziniert, dass sich keiner von uns bewegen getraute.

Jasmin war die Erste, die zu Gunnar watschelte und ihn mit ihrem Schnabel anstupste, als wolle sie sagen – „steh doch auf – Gunnar!“

Langsam ging sie an Gunnar hinteren Körper, setzte sich behutsam hin, so dass sie mit ihm in einer Linie lag und blieb einfach seelenruhig sitzen, ihren Kopf senkrecht in die Luft gestreckt.

Es dauerte nicht lange, da kam auch Blümchen ange-watschelt, schaute Gunnar genau an, ging an die Vorder-seite, stellte sich in die Nähe des Kopfes, blieb stehen und drehte sich exakt auf derselben Stelle um, so dass auch ihr Kopf wieder in einer Linie mit Gunnar und nun auch mit Jasminchen war.

„Was macht das Blümchen?“

Wir waren so überrascht über diese Drehung, denn so etwas haben wir noch nie gesehen. Henri kam ebenfalls langsam an gehinkt, er hat bisschen Arthrose in seinen Beinen und stellte sich an Gunnars Seite.

„Sandra, so etwas habe ich ja noch nie gesehen,“ flüsterte ich.

„Ich auch nicht!“

Glücklicherweise hatte sie die Kamera bei sich und so konnte sie die faszinierenden Bilder festhalten.

Die Gänse unterbrachen ihre Haltung nicht, sondern saßen und standen regungslos da, so als ob sie ihren Freund Gunnar in den Himmel begleiten würden.

Mir liefen die Tränen vor Rührung über die Wangen.

So ein wunderbares, so ein vertrautes, so ein tief be-wegendes, so ein liebevolles Abschiednehmen. Würde man solch eine geistige Klarheit, solch ein tief denkendes Bewusstsein in diesen Tieren vermuten?

Ja, sogar stärker als bei manch einem Menschen?

Ach nein, diese faszinierenden Tiere werden ja zu Weihnachten reihenweise geschlachtet und mit Wonne verzehrt!

Oder ihnen werden die Federn, ihre natürliche Pracht aus dem Leib gerissen, so dass sie mit ihren blutenden und zerschundenen Körper weiter dahin vegetieren müssen. Und der Mensch kann sich dann an der grausamen „Köstlichkeit“ erfreuen und erwärmen!!!!!

Als Henri, Blümchen und Jasmin ihre Verabschiedung, die doch einige Zeit dauerte, und immer in der selben Haltung, beendet hatten, watschelten sie wieder seelen-ruhig auf ihren Platz zurück.

Feierlich wurde Gunnar, dieser liebenswerte Ganter in unserem großen Garten begraben.

Danke Gunnar für deine Freundschaft!

Danke für das Miterleben der vertrauten natürlichen Verabschiedung deiner Artgenossen.

Es war sehr traurig – aber wiederum wunderbar!!!